Bergbau von 1900-1945

DER KOHLENBERGBAU; VON 1900-1945

 

DIE ZEIT DER BERGBAU- GESELLSCHAFTEN

Schon im vorigen Jahrhundert hatte sich ein Trend zu einer horizontalen Konzentration der Bergbaubetriebe abgezeichnet. Für die Durchführung größerer Arbeiten, wie zum Beispiel der Egerregulierung, der Errichtung moderner Bergwerksanlagen oder der Bildung größerer Grubenkomplexe, waren Bankkapital und die finanziellen Mittel von Aktiengesellschaften notwendig.

In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts herrschte der Tiefbau noch vor. Doch kommt es zu einer Verschiebung des Anteils der verschiedenen Flöze an der Kohlenförderung. Das Josefiflöz und das Agnesflöz waren schon ziemlich ausgekohlt; außerdem war der weitere Abbau der Josefikohle aus dem Beckentiefsten wegen Gefährdung der Karlsbader Thermalquellen gesperrt. Dadurch mußte man notgedrungen zu einer stärkeren Förderung der Kohle aus dem obersten Flöz, dem Antoniflöz, übergehen.

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand auch die Elektrizität Eingang in den Bergbau, zuerst für Beleuchtungszwecke. 1907 wurden in Reichenau, 1909 in Neusattl die ersten Dampfturbinen aufgestellt, um den Bedarf an elektrischem Strom zu decken. Diese beiden Werke entwickelten sich zu Überlandzentralen. Auch der Kohlenbergbau selbst wurde im Laufe der Zeit elektrifiziert.

Die Gesamtrevierförderung betrug im Jahre 1900 etwa 2,5 Millionen Tonnen im Jahr und stieg bis 1913 auf 4 Millionen Tonnen jährlich. Später zeigten sich in den Förderziffern starke Schwankungen infolge der Weltkriege, der Arbeitslosigkeit vor dem Zweiten Weltkrieg und konjunkturbedingten Schwankungen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurden viele Bergleute zum Militärdienst eingezogen und die Revierförderung fiel auf 3,5 Millionen Tonnen jährlich, später stieg sie wieder auf 4 Millionen Tonnen und sank mit der Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie wieder auf 3,5 Millionen Tonnen. Danach stieg die Förderung wieder an und sank in der Wirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg auf 3 Millionen Tonnen. Ab 1938 kam es wieder zu einem Anstieg der Produktion, die bis 1944 auf 5,5 Millionen Tonnen kletterte. Die Konzentration des Grubenbesitzes nahm ständig zu. 1895 waren es noch 53 Unternehmen im Revier, 1912 noch 35 und 1945 noch 14 Bergwerksbesitzer. Nachdem Zweiten Weltkrieg, 1950, war nur noch der Staat als Unternehmer übriggeblieben. In der Zeit von 1900 bis 1945 war das Falkenauer Revier in seiner Entwicklung gegenüber dem mitteldeutschen Revier stark zurückgeblieben. Die Umstellung auf einen Großtagebaubetrieb wie in Mitteldeutschland war in dieser Zeit nicht möglich, sie erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Für die Verarbeitung der Kohle waren von. 1900 bis 1950 fünf Brikettfabriken in Betrieb, die täglich 1000 Tonnen Briketts erzeugten. Auch die Elektrizitätswerke verbrauchten zunehmend mehr Kohle. Es waren die E-Werke in Unterreichenau und Neusattl und als größtes das E-Werk der chemischen Fabrik (im Volksmund »Chemische«) in Falkenau. Dieses E-Werk verwendete die minderwertige Staub- und Klarkohle vom »Georgschacht«.

Im Zeitraum von 1900 bis 1945 beherrschten folgende Unternehmen das Revier:

 

 

1. Die »Montan- und Industrialwerke vormals J. D. Starck AG«.

2. Die »Dux-Bodenbacher Eisenbahngesellschaft AG«.

3. Die »Britannia Kohlenwerke AG«. 4. Die »Zieditz-Haberspirker Braun- und Glanzkohlengewerkschaft« .

5. Die »Falkenauer (Lanzer) Kohlengewerkschaft« des Chemischen Vereins.

 

Andere Gewerkschaften wie die »Bodener Kohlengewerkschaft AG«, die »Falkenau-Egerer Bergbaugesellschaft«, die »Fischerzeche« (»Dionys-Laurenzigewerkschaft«) sowie die »Mathias- und Mariahilfswerke AG« verschmolzen während dieses Zeitraumes mit den „Montan- und Industrialwerken“ durch Zusammenfassung des Aktienbesitzes zu einem Konzern. Der Besitz der »Falkenau-Grassether Kohlengewerkschaft« wiederum kam mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1940 zu den »Britannia-Kohlenwerken«.

Die »Montan- und Industrialwerke vormals. D. Starck AG«: Dieser Betrieb war von Johann David Starck gegründet worden und wurde dann von seinem Sohn Johann Anton Edler von Starck weitergeführt. Nach dessen Tod wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die »Montan- und Industrialwerke vormals J. D. Starck«.

 

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kamen die Bergbaubetriebe in Unterreichenau durch vermehrte zusitzende Grubenwässer im Überschwemmungsgebiet der Eger in große Schwierigkeiten. Eine notwendige Egerregulierung auf der Strecke Theussau-Königswerth konnte erst 1902 bis 1905 durchgeführt werden, nach dem Tod des damaligen Hauptaktionärs der Montanwerke, A. Schobloch (gestorben 1900), und nachdem eine andere Finanzgruppe die Werke übernommen hatte.

Weitere Schwierigkeiten verursachten Überschwemmungen der Eger und Wassereinbrüche in die Schächte. Während des Zweiten Weltkrieges legte man deshalb zwischen den Orten Zieditz und Falkenau ein Reservebett der Eger an. Endgültig konnte die Hochwassergefahr erst in neuerer Zeit gebannt werden, als man an der Wondreb bei Gaßnitz und an der Eger oberhalb der Stadt Staubecken für das Großkraftwerk Theussau errichtete.

Im Laufe der Entwicklung verlagerte sich der Schwerpunkt der Bergbautätigkeit iinmer mehr in den Falkenauer Raum. Hier kam es mit der Ausweitung des Aktienbesitzes der Petschek- Gruppe (Prag) zu weiteren Angliederungen von Bergbaugewerkschaften an die »Montanwerke«, und es entstand ein Konzern unter einheitlicher Leitung. Im Zeitraum von 1900 bis 1945 waren die „Montanwerke« das größte Bergbauunternehmen im Revier. Der Verwaltungssitz der Firma, das ehemalige Starcksche Schloß in Unterreichenau, blieb deshalb auch nach 1945 der Sitz der Leitung für den gesamten Kohlenbergbau.

Die »Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG«: als Bergbauunternehmung: Im Jahre 1892 wurden die von der „Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG« betriebenen Eisenbahnunternehmen vom Staat eingelöst und die Gesellschaft erwarb daraufhin Gruben und Bergbaubesitz im Brüxer und Falkenauer Revier. Im Falkenauer Revier kaufte die Gesellschaft 1898 den vom „Wiener Bankverein« gemeinsam mit der“ Württembergischen Bankanstalt« und der „Dresdner Bank« erworbenen Grubenbesitz. Die Vorbesitzer dieses Grubenmaßenkomplexes waren: die Herren Moses und Gustav Porges Edle von Portheim, die „Bergbaugesellschaft Saxonia«, die „Bergbau- und Industrie AG Falkonia« (bis 1873), der „Wiener Kohlenindustrieverein« (1873 bis 1889), „Vlad. Vondracek und Co.« (1889 bis 1898), der „Wiener Bankverein«, die“ Württembergische Bankanstalt« und die „Dresdner Bank« Januar bis Oktober 1898).

Im Jahre 1909 erwarb die „Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG« auch den Bergwerksbesitz der Firma „Springer und Co.« in Elbogen mit dem „Helenenschacht«. Im Karlsbader Gebiet wurde 1914 auch der gesamte Bergwerksbesitz der »Frisch-Glück-Zeche« in Sodau (1903 bis 1913 in Betrieb) angekauft. Die »Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG« war nach ihrer Fördermenge im Zeitraum von 1900 bis 1945 die zweitgrößte Gesellschaft im Revier. Vergleichsweise förderten 1929 die »Montanwerke« 730000 Tonnen jährlich, die »Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG« 589000 Tonnen im Jahr.

Nach dem Anschluß des Sudetengebietes an das Deutsche Reich im Jahre 1938 wurde der Besitz der »Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG« im Brüxer Revier in die »Sudetenländische Bergbau AG« eingegliedert. Die Betriebe im Falkenauer Revier wurden unter der alten Firmenbezeichnung bis Kriegsende weitergeführt. Der Sitz der Verwaltung war seit 1916 in Karlsbad im »Haus Romania«.

Die »Britannia-Kohlenwerke AG«: Diese Gesellschaft hatte einen umfangreichen Bergbaubesitz im Teplitzer, Brüxer und Falkenauer Gebiet und geht auf eine englische Gründung und englisches Kapital zurück.. Schon im Jahre 1867 hatten die beiden Engländer Sir George Griffith und Mr. Leader durch ihren Schichtmeister Johann Tott Grubenmaße erworben. 1872 verkauften die Engländer ihre Grubenmaße an eine aus Belgiern , bestehende Gewerkschaft, die »societe anonyme de Charbonnage de Boheme«. Diese Gesellschaft geriet jedoch bald in Zahlungsschwierigkeiten und Lord Griffith übernahm das Grubenfeld I wieder. Im Jahre 1890 wurde dann die »Britannia Gewerkschaft Falkenau an der Eger« gegründet. 1892 übernahm die »Britannia« das »Laurenzi.Grubenfeld«, das 1859 an Laurenz Hutschenreuther aus Selb in Bayern verliehen worden war, ferner 1893 das Grubenfeld der alten »Skt. Margarethenzeche« im Blinden Graben bei Königswerth, welches ab 1871 Graf Limburg-Styrum in Besitz hatte. Außerdem erwarb die »Britannia« 1896 die » Wilhelminengrubenmaße« von Kurt Kästner und auch noch andere Teile.

Im Jahre 1929 betrug die Förderung der »Britannia-Kohlenwerke« 360000 Tonnen jährlich. Ab 1918 gehörte auch der Tagebau »Bohemia« zu der » Vereinigten Britannia-Kohlenwerke AG«. Im Jahre 1909 hatten drei Holländer von Berginspektor Ing. Anton Frieser bei der Stadt Falkenau Grubenmaße erworben und die » Braun- kohlenbergbaugesellschaft Bohemia« gegründet. Die Förderung begann 1912, im Jahre 1948 war dieser Tagebau ausgekohlt. Die Leitung der »Britannia Kohlenwerke« lag seit Bestehen der Gesellschaft in den Händen der Familie Seebohm. 1864 hatte Direktor Bernhard Seebohm senior die Leitung der »Britannia-Werke« in Mariaschein bei Teplitz übernommen. Auf ihn folgte ab 1907 sein Sohn, Bergingenieur Bernhard Seebohm junior. Er fiel 1915 im Ersten Weltkrieg. Daraufhin übernahm Bergassessor Kurt Seebohm die Leitung, der seinen Wohnsitz in Königswerth bei Falkenau hatte. Er führte das Unternehmen bis 1945. Kurt Seebohm war der Vater des Bergassessors a. D. Dr.-Ing. Hans Christoph Seebohm, der viele Jahre hindurch Bundesverkehrsminister und Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft in der Bundesrepublik Deutschland war.

Die »Britannia-Kohlenwerke« hatten mustergültige soziale Einrichtungen ins Leben gerufen. Auf den Werken des Unternehmens arbeiteten schon ganze Bergmannsgenerationen. Bereits 1893 wurden zur Versorgung der Arbeiter mit billigen Lebensmitteln Werkskonsumvereine gegründet, seit 1890 wurden in Falkenau Arbeiterkindergärten unterhaJten; ferner bestanden Handarbeits- und Abendschulen für Mädchen und es gab Arbeitersparkassen und Werkswohnungen. In der Zeit der Absatzkrise vor dem Zweiten Weltkrieg wurde besondere Vorsorge getroffen, um Entlassungen der Arbeiter zu vermeiden. Durch all diese Maßnahmen entwickelte sich auf den Schächten der »Britannia« ein besonderes Gemeinschaftsgefühl der Beschäftigten zu ihrem Werk und auch zur Familie Seebohm, die den Betrieb durch 80 Jahre geführt hatte.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Großteil der Aktien der Gesellschaft, welche den Engländern gehörten, an J. Petschek in Aussig verkauft. Nach dem Anschluß im Jahre 1938 kam der Besitz der »Britannia AG« im Teplitzer und Brüxer Gebiet an die »Sudetenländische Bergbau AG« in Brüx. Die Werke im Falkenauer Revier wurden unter der Leitung des Generaldirektors Kurt Seebohm bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges selbständig weitergeführt. 1942 wurde der Name „Britannia-Kohlen- werke« in »Egerländer Bergbau AG Königswerth bei Falkenau« umgeändert und gleichzeitig der Nachbarschacht; die „Friedrich-Anna- Zeche« in Grasseth (im Volksmund »Grafenschacht«), mit in den Besitz der Gesellschaft übernommen. Nach der Wiedererrichtung der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1945 wurde am 4. Juli 1945 auch in diesem Unternehmen eine Nationalverwaltung eingeführt (Dr.- Ing. Lasek) und die Familie Seebohm mußte das Land verlassen. Am 1. Oktober 1945 wurden die Werke in die »Falkenauer Braunkohlenschächte« (FHD) eingegliedert. 20 Jahre später, im Jahre 1965, waren die »Marienschächte« die einzige Tiefbauanlage im Revier, sonst wurden nur noch Tagebaue betrieben.

Die »Zieditz-Haberspirker Braun- und Glanz- kohlengewerksc;haft«: Die „Zieditz-Haberspirker Gewerkschaft (ZHG)«, später »Zieditz-Haberspirker Braun- und Glanzkohlengewerkschaft« genannt, nahm seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Stellung im Falkenauer Revier ein. Das Grubenfeld dieser Gewerkschaft erstreckte sich hauptsächlich zwischen den Orten Zieditz und Haberspirk im Westen des Falkenauer Reviers.

Begründer und Vorläufer der »Zieditz-Haberspirker Gewerkschaft« war G. Budiner, der seit 1850 Verleihungen auf Grubenmaßen besaß und 1873 die Gewerkschaft gegründet hatte. Der Bergbau und die Förderziffer der »ZHG« ran- gierten im Falkenauer Revier an dritter Stelle, nach den »Montanwerken J. D. Starck« und der  »Dux-Bodenbacher Eisenbahn AG«. Das Verwaltungsgebäude der Gesellschaft befand sich neben dem Zieditzer Bahnhof. Bis 1938 hatte die Leitung der Werke Direktor Gold. Nach dem Anschluß der Sudetengebiete an das Deutsche Reich und der Arisierung des jüdischen Aktienkapitals wurde die »Zieditz-Haberspirker AG« an die „Sudetenländische Bergbau AG« in Brüx angeschlossen und als »Inspektion Falkenau« selbständig verwaltet. Nach 1945 wurde sie dem Nationalunternehmen »Falkenauer Kohlenbergbau« eingegliedert.

Die »Falkenauer Bergbau AG« -»Geargschacht« der »Chemischen Werke Aussig-Falkenau«: Das Grubenfeld der »Falkenauer Bergbau AG« lag nördlich der Stadt Falkenau bei Lanz und war vor 1870 von Aron Reichl erschlossen worden, welcher diesen als »Judenwerk« bezeichneten Bergbau bis 1886 betrieb. Dann wurden diese Grubenfelder von Ferdinand Kästner aus Sachsen erworben, der sie mit seinen übrigen Grubenmaßen vereinigte und bis 1892 als »Kästnerzeche« betrieb. Im Jahre 1916 wurden die Grubenfelder von der »Falkenauer Kohlenbergbau AG« aufgekauft und 1918 der Bergbau wieder eröffnet. Daraus entwickelte sich dann 1918 der „,Georgschacht«, ein modernes Braunkohlenwerk. Der »Georgschacht« war die einzige Anlage, die in der Mitte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet worden war.

Das Grubenfeld des »Georgschachtes« und des benachbarten Britannia-Grubenfeldes der »Marienschächte« in einer Gesamtausdehnung von fünf Kilometer Länge und drei Kilometer Breite, mit einem Vorrat von 400 Millionen Tonnen Kohle, wurde mit dem Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für einen künftigen Großtagebau „Georg“ vorgesehen. Der alte »Georgschacht« wurde jedoch erst 1967 stillgelegt.

 

 

 

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